In 2019 lud Claude Bühler mich zu einer Art 'Sound-Jam' auf einem alten Bauernhof im Appenzell ein, wo sie zu diesem Zeitpunkt selbst wohnte. Sie war bis dahin vor allem als Fotograf*in unterwegs und hatte ein neues Interesse in Modular Synths und Sound Arts entwickelt. Claude vernetzte sich mit Leuten, die gegenseitig einen Inspirationsraum kreieren wollten. Im improvisierten Home-Studio lag ein grüner Teppich am Boden: der 'Salon Vert' war geboren.

Im Sommer 2020 entwickelten sich aus diesen spontanen Improvisations-Sessions eine "offizielle" Residenz im Frauenpavillon im Sankt-Galler Stadtpark. Unter dem Namen discours féministes trafen sich FINTA-Kunstschaffende, die sich mit Sound und Spoken Word über zeitgenössischen Feminismus und popkulturelle Phänomene austauschten. Aus dieser Residenz entstanden wiederum ein Netzwerk und Verein, die sich dafür einsetzen, neue Orte und Vernetzungsmöglichkeiten für unterrepräsentierte Gruppen im Musik- und Kunstbereich und vor allem für FINTA-Personen (Frauen, intergeschlechtliche, non-binäre, trans und agender Menschen) zu schaffen. 2022 und 2023 folgte daraufhin das ambitioniertere Projekt salon vert voyage: das Konzept der queer-feministischen Residenzen breitete sich von der Ostschweiz weiter in die gesamte deutschsprachige Schweiz aus. Sieben Kurator*innen luden in verschiedenen Städten eine Gruppe Künstler*innen für Austausch und die kreative Zusammenarbeit ein.

Als eine dieser Kurator*innen beobachte ich, dass sich in den letzten Jahren etwas in Bezug auf die Solidarität zwischen und die Sichtbarkeit von FINTA-Künstler*innen auf und hinter den Schweizer Bühnen getan hat. Doch während sich die 'analogen' Räume geöffnet haben - oder wir neue Räume für uns selbst geschaffen haben - wurde es für mich im letzten Jahr immer deutlicher, dass der Backlash des Patriarchats sich im digitalen Raum mehr denn je verschärft hat. Die Wiederwahl von Trump hat mir vor Augen geführt, dass die "Tech Bros" Musk und Zuckerberg sich schamlos auf die Seite des antifeministischen Autoritarismus und Faschismus stellen. Bei mir als Transperson schlugen die Alarmglocken, und mit einem Hintergrund als Softwareentwicklerin erforschte ich die Alternativen für Instagram & Co. Ich stiess auf eine neue Community von Programmierer*innen und Tüftler*innen die Technologie auf eine ethische Art gestalten möchten, basierend auf Werten wie Vertrauen, gegenseitigem Respekt, menschlicher Agency und ökologischem Bewusstsein.

Gleichzeitig nehme ich eine Defragmentation in meiner lokalen Musik-Community wahr. Wir haben eine gespaltene Haltung Instagram gegenüber entwickelt ("ist Scheisse, aber dort ist irgendwie noch immer mein Zielpublikum"), wir ziehen uns zurück in die Nostalgie alter Formate, wie Newsletter und Bandcamp-Downloads, abgerundet von Versuchen eine Patreon- oder Fanklub-Community aufzubauen. Zurecht werden Vernetzung und Treffen "im echten Leben" wieder als viel wichtiger eingeschätzt, aber wir verlieren immer mehr den Überblick in Dutzenden Telegram-Chats, und müssen uns auf zufällige Einladungen aus dem Kulturkuchen verlassen, so als ob wir wieder in den Neunzigerjahren leben. Ich vermisse einen online Ort, wo ich 'meine Szene' spüren kann, wo ich vielleicht etwa 50 oder 100 Bands oder Künstler*innen im Blick habe, und nicht nur die fünf oder zehn, die der Instagram-Algorithmus mir immer wieder zuspielt. Meine Mailbox sollte für mich vor allem ein Arbeitsinstrument bleiben, und ich kann vielleicht etwa zehn Newsletter von meinen Lieblingsbands abonnieren, aber nicht viel mehr ohne dass meine Arbeitsabläufe in einem Chaos münden. Messaging-Apps eigenen sich für schnelle praktische Termine mit meinen engsten Freund*innen, aber sind meiner Meinung nach überhaupt nicht für Broadcasting von kulturellen Veranstaltungen gemacht.

Die letzten Monate versuchte ich alle zu überzeugen, ein Bluesky-Account zu erstellen oder vielleicht mal Flashes auszuprobieren: "Es sieht ein bisschen aus wie Instagram, aber du kannst selbst entscheiden, was du zu sehen bekommst und das alles ohne die Hosentaschen der Milliardäre zu füllen," sagte ich immer wieder. Im März war ich dann für einen Monat in Vancouver, als Auftakt zur Atmosphere Conf, einem Ort, wo sich die sozial engagierten "Techies" trafen. Dort hatte ich endlich Zeit selbst etwas zu programmieren und einen Vorschlag für Musikstreaming in diesem technischen Ökosystem von "atproto" zu machen, in dem Machtverhältnisse durch die infrastrukturelle Philosophie demokratischer gestaltet werden können. Die Talks an der Konferenz inspirierten mich meinen Diskurs über Social-Media-Alternativen in eine neue Richtung zu lenken. Anstatt Kunstschaffende zu überzeugen ein Konto auf Apps wie Bluesky zu erstellen, die nur so halb ihren Bedürfnissen entsprechen, haben wir mit dem offenen atproto-Protokoll und der Hilfe von "agentic coding" selbst die Möglichkeit, zusammen mit unserer Community, neue soziale Apps zu gestalten. Rudy Fraser von Blacksky erklärte wie er als Programmierer auswärts auf die schwarze Community zuging, "grounding with his siblings", und mit einem kleinen Team, geprägt von der "mutual aid"-Philosophie, soziale Tools baut, die seine Community braucht. Dame zeigte als "conceptual artist and tech worker" mit anisota.net, dass eine Micro-Blogging-App ganz anders aussehen kann: spielerisch und weird, beruhigend anstatt auf Dopaminsucht ausgerichtet.

Ich möchte für die kunstschaffende Community auch im Digitalen neue Räume schaffen, weg vom Diktat der Big-Tech-Broligarchie. Räume die, wie der Salon Vert, queerfeministisch gestaltet werden können, mit flachen Hierarchien, bunten Identitäten und gegenseitigem Respekt. Vielleicht ist es Zeit für das neue ambitioniertere Projekt, einem salon vert digital?

Ich glaube daran, dass digitale Räume wichtig sind, um in Verbindung zu bleiben, und sie als niederschwelliger Zugang für Personen dienen, die den Weg zur Community noch nicht gefunden haben. Ich bin davon überzeugt, dass wir zusammen neue digitale Räume, während analogen Residenzen gestalten und dazu brainstormen können, wie eine queerfeministische App für unsere Kunst-affine Community aussehen kann.

Ich träume von einer App, die zwei Geschwindigkeiten anbietet, zwei "Tabs" am Puls des künstlerischen Schaffens. Der erste Tab könnte "keeping up" heissen, und der zweite "slowing down", oder jeweils "familiar" und "surprising".

"Keeping up" ist eher was uns vertraut ist von Instagram und Co. Es ist der Ort, wo ich meine Szene verfolgen kann, alles ziemlich schnelllebig, mit kurzen Updates, Konzertankündigungen oder neuen Releases, Snapshots und Behind-The-Scenes. "Slowing down" ist der Tab, wo ich mich vertiefen, länger in etwas eintauchen und Inspiration finden kann – insgesamt eher überraschend, abenteuerlich oder zum Nachdenken anregend. Letzterer Tab ist vergleichbar mit einer Ausstellung, oder einem Zine und ist stark von der Persönlichkeit einer Künstler*in oder eines Kunstkollektivs geprägt. Mit diesem Format ist auch die Idee einer "Artist in App Residency" verknüpft: Ein digitales Format, wo Kunstschaffende soziale Verbundenheit neu denken, die ausgetretenen Pfade verlassen und verrückte Wege aufsuchen. Ich träume von einer neuen Reihe von Salon-Vert-Residenzen, wo ich selbst mit Software-Code die vielseitigen Ideen meiner Community unterstützen kann.

von Hilke Ros, Zeichnung und Redaktion von Luca Hann